
Flugangst 7A, von Sebastian Fitzek | Gratis Hörbuch

Der Lehrer (Will er dir helfen oder will er deinen Tod?), von Freida McFadden | Gratis Hörbuch
Yesteryear: Wenn das perfekte Leben vor der Kamera endet
Natalie Heller Mills hat alles, wovon andere nur träumen: eine liebevoll sanierte Farm, sechs Kinder, die sie anbeten, einen Mann mit Cowboyhut und Millionen Follower, die jeden ihrer Posts feiern. Vom Sauerteigbrot bis zur geduldigen Kindererziehung, in ihrem Feed läuft alles wie geschmiert. Natalie verkauft nicht nur ein Leben, sie verkauft ein Versprechen: So einfach kann Glück sein, wenn man es nur richtig macht.
Dann steht Natalie eines Morgens auf, und die Kulisse ist weg. Keine Nannies mehr, kein Produktionsteam, keine Hilfskräfte, die im Hintergrund dafür sorgen, dass der Zauber funktioniert. Zum ersten Mal seit Jahren muss sie den Alltag leben, den sie all die Zeit nur simuliert hat: mit echten Kindern, die weinen, einem Ehemann, der plötzlich Fragen stellt, und einer Farm, die sich nicht für die Kamera schicken lässt.
Caro Claire Burke erzählt in Yesteryear von dem Moment, in dem die Performance zusammenbricht und etwas zum Vorschein kommt, das niemand sehen sollte. Ein Roman über die Grausamkeit perfekt inszenierter Familienbilder, über Narzissmus, der sich als Liebe tarnt, und darüber, wie schwer es ist, auszuhalten, wer man ist, wenn niemand zuschaut.

Ich habe dieses Hörbuch zweimal angefangen. Nicht, weil es schlecht war, sondern weil ich beim ersten Versuch die Geduld verlor: Der Sprung zwischen verschiedenen Zeitebenen kommt ohne Vorwarnung, und ich habe mehrfach kurz nicht gewusst, wo in Natalies Geschichte ich gerade bin. Beim zweiten Anlauf war das anders, irgendwann hat mein Kopf das Rhythmusmuster verstanden, und genau dieser Wechsel wurde zum Reizmittel des Buchs. Die Vergangenheit erklärt die Gegenwart, und je länger man hört, desto klarer wird, dass Natalies Zusammenbruch längst begonnen hatte, bevor die Kameras verschwanden.
Lisa Hrdina trägt das Hörbuch fast allein, und sie macht das brillant. Ihre Natalie ist diese warme, leicht atemige Influencer-Stimme, die man sofort kennt, wenn man mal fünf Minuten auf solchen Plattformen gewesen ist, und unter dieser Stimme hört man bei jeder zweiten Passage ein Zittern, das Burke im Text gar nicht ausschreibt. Wenn Natalie ihre Kinder anspricht, klingt es mal nach echter Zärtlichkeit, mal nach Drehbuch, und Hrdina lässt offen, welches gerade gilt. Genau da liegt ihre Stärke: Sie spielt nicht die Pointe vorweg.
Wer reines Wohlfühl-Farmleben erwartet, wird enttäuscht, und ehrlich gesagt finde ich die Enttäuschung teilweise berechtigt. Das Landleben bleibt Kulisse, mehr nicht; wer Szenen wie aus einem gemütlichen Homesteading-Buch sucht, hört lange ins Leere. Aber das ist offenbar der Punkt des Romans: Die Idylle war nie echt, warum sollte sie im Buch echt sein? Trotzdem hätte ich mir am Ende eine Szene gewünscht, in der die Farm als Ort etwas anderes wird als Bühne oder Ruine. So wirkt der Schauplatz gegen Schluss etwas blass.
Die eigentliche Stärke des Buchs ist seine Bosheit, wenn ich das so sagen darf. Burke zeichnet Natalie nicht als Schurkin, sondern als jemanden, der gelernt hat, dass Aufmerksamkeit sicherer ist als Nähe, und diese Figur ist viel unangenehmer zu ertragen als jeder klassische Bösewicht. Ich habe Passagen gehört und musste an Leute denken, deren Feeds ich selbst konsumiere. Dass mir dabei zunehmend unwohl wurde, spricht für den Text. Die Familiendynamiken, besonders rund um die Schwiegermutter und Natalies eigene Herkunft, sind fies präzise beobachtet.
Insgesamt: ein Hörbuch, das mich abgehetzt, genervt und beeindruckt zurückgelassen hat. Die Zeitsprünge kosten Kraft, die zweite Hälfte zieht deutlich stärker als die erste, und wer mit unzuverlässigen Erzählerinnen nichts anfangen kann, wird hier leiden. Wer aber Lust auf eine gnadenlose Abrechnung mit dem Geschäft perfekter Selbstinszenierung hat, bekommt 14,5 Stunden, die sich lohnen. Vier von fünf Sternen, minus einer für die ersten hundert verwirrenden Minuten. Danach lohnt sich ein Blick auf Die Psychiaterin, ebenfalls von Freida McFadden.
Yesteryear von Caro Claire Burke, gelesen von Lisa Hrdina, umfasst rund 14 Stunden und 35 Minuten und ist seit dem 7. Mai 2026 als Hörbuch erhältlich. Die deutsche Fassung entstand in der Übersetzung von Dietlind Falk, Lisa Kögeböhn und Sabine Stiepani.
In der Hörprobe hören Sie den Anfang von Natalies Geschichte: eine perfekte Farm, sechs fröhliche Kinder, ein Mann im Cowboyhut und Millionen Menschen, die zuschauen. Es klingt wie ein Traum, bis eines Morgens das Produktionsteam wegbleibt und Natalie zum ersten Mal ohne Publikum und ohne Hilfe durch ihren eigenen Alltag muss.
Ideal für alle, die psychologische Familienromane mit gesellschaftlicher Wucht mögen: Hör rein und entscheide selbst, ob du Natalies perfektem Leben noch eine Sekunde glaubst., falls du auf spannende Frauenfiguren stehst.




